Archive für Oktober 2009

Spielkamerad oder Spielzeug?

Gehen Kinder mit Kuscheltieren anders um als mit sonstigem Spielzeug?

Beobachtungen aus meinen Elterninterviews     kuscheltier-arwen-abendstern.jpg

Nach Sichtung der 45 ausführlichen Elterninterviews zeichnen sich jetzt die ersten interessanten Ergebnisse ab. Wir  haben aus den Elterngesprächen entnommen, wie ihre Kinder mit ihren Kuscheltieren umgehen, ob es da Unterschiede gibt zum Umgang mit dem Auto, dem tollen Playmobilhaus, dem Playstation.

Deutlich ist zum einen geworden: Kuscheltiere sind kein Spielzeug. Sie stehen nicht in Konkurrenz zu den anderen attraktiven Sachen, die Kinder heute so zu Hause haben. Mit ihnen wird zwar auch im eigentlichen Sinne gespielt, aber das sind dann vor allem Rollenspiele. Wichtig ist das Kuscheltier und insbesondere das Lieblingskuscheltier nicht, weil man damit so gut spielen kann. Wichtig ist es, weil es für das Kind ein Freund, ein Spielkamerad, ein Wesen ist, das Wärme und Sicherheit gibt.
Aus dem Unterschied im Umgang mit Kuscheltieren und Spielsachen, von dem die Eltern berichten , geht das ganz deutlich hervor.

Von 36 Kindern, zu denen wir eine Antwort zu diesem Thema erhalten haben,  gehen nach Beobachtung ihrer Eltern 30 anders mit Kuscheltieren um als mit ihren sonstigen Spielsachen. Nur bei 6 Kindern konnten die Eltern keinen Unterschied im Verhalten der Kinder feststellen. 6 Kinder waren es auch, die offenbar kein besonderes Interesse an Kuscheltieren zeigten und in ihnen eigentlich eher langweilige Spielzeuge sahen. Denen standen jedoch 3 Kinder gegenüber, die sich für Kuscheltiere um ein Vielfaches mehr interessierten als für andere Sache zum Spielen. Aber eigentlich ist das egal. Es besteht bei den weitaus meisten Kindern keine Konkurrenz zwischen Plüschhasem und Ferrari oder Barbies Frisierkommode.

Aber wie unterscheidet sich nun der Umgang mit dem Kuscheltier zum Umgang mit Spielsachen?

Ich habe die Beobachtungen in fünf Punkten  gebündelt:

1. Kinder beschützen und behandeln ihre Kuscheltiere liebevoll.
Kuscheltiere werden von ihren Kindern oft fürsorglich, liebevoll, auch rücksichtsvoll behandelt. Sie fliegen nicht durchs Zimmer wie die anderen Sachen, sie liegen nicht auf dem Boden und werden unter anderen Gegenständen verschüttet oder übereinander gestapelt. Wenn man auf Legosteine tritt, dann ist das kein Problem, auch wenn sie mal kaputt gehen können. Aber wenn die Mutter aus Versehen auf ein Kuscheltier treten würde, dann wäre das schlimm, obwohl es ihm als Stoffbündel sicher nichts ausmacht. Kuscheltiere werden so hingesetzt, dass sie einen guten Platz haben, nicht runterfallen können und auch was sehen können. An ihnen wird eher selten die Wut ausgelassen. Sie dürfen nicht dreckig werden. Auch wilde Jungen fassen ihre Kuscheltiere eher sanft an. Kinder sorgen für ihre Kuscheltiere und sie behüten sie. Manches wird gefüttert, abends zugedeckt, aber alle stehen unter dem  Schutz ihres Kindes, das nicht achtlos oder grob mit ihnen umgeht. Ein Kind hat vor einem Kuscheltier Respekt und achtet es sozusagen als Person.

2. Kinder gehen mit Kuscheltieren um wie mit eigene Persönlichkeiten
Auch wenn kaum ein Kind jenseits der fünf glaubt, sein Kuscheltier sei wirklich ein lebendes Wesen, so sehen doch viele in ihrem Kuscheltiere etwas Lebendiges, jemand mit Namen und Gesicht, jemand der Eigenschaften hat, der hören, sehen, fühlen kann, der traurig oder fröhlich sein kann. Für viele ist das Kuscheltier ein aktiver Partner, der nicht nur beschützt und umsorgt werden will, sondern der aktiv am Leben des Kindes teil hat. Viele Kuscheltiere singen abends für ihre Kinder mit der Stimme der Mutter Schlaflieder, etliche erzählen ihrem Kuscheltier, was sie erlebt haben oder teilen ihm einen Kummer mit. Sie zeigen ihm den neuen blauen Fleck oder das kaputte Auto, sie setzten ihr Kuscheltier neben sich, wenn sie Hausaufgaben machen müssen oder am PC spielen. Ein Junge gab seinem Teddy im Sandkasten immer eine eigene Schaufel ab. Und Kuscheltiere hören geduldig zu, aber es gibt auch welche, die antworten und sich aktiv am Familien- oder Zwiegespräch beteiligen. Spielsachen sind Sachen und unsere Kuscheltiere sind Persönlichkeiten mit Eigenleben.

3. Kinder suchen die Nähe zu ihrem Kuscheltier.     muttertagsteddy.jpg
Das zeigt sich vor allem darin, dass Kuscheltiere immer mit ins Bett dürfen und sollen (mindestens das Lieblingskuscheltier). Spielzeug kommt nicht mit ins Bett und das nicht nur, weil es vielleicht hart und kantig ist.  Seinen Lieblingstraktor parkte ein Junge wochenlang neben seinem Bett-Kopfende. Aber in seinen Armen lag des Nachts Schnuffi und durfte von da oben mit dem Kind zusammen den Traktor bestaunen. Kuscheltiere, insbesondere natürlich die Lieblingskuscheltiere, werden nicht weggeräumt, wenn man sie nicht mehr braucht. Sie haben feste Plätze, müssen immer präsent sein, griffbereit, sicher.
Manches Kuscheltier wird zudem ständig herumgeschleppt. Es gibt Kinder, die bewegen sich nur mit dem Kuscheltier in der Hand. Zwar ist die Nähe vor allem des Nachts gewünscht und wichtig. Aber dort auf den Betten warten sie  mit Sicherheit und das auch noch viele Jahre, nach dem das Kind ‘eigentlich nicht mehr mit Kuscheltieren spielt’. Es ist eben nicht das Interesse an der Sache, nicht die Attraktivität eines Spieles, nicht seine Aktualität , die die Beziehung eines Kindes zum Kuscheltier erhält und als stabile Lebensabschnittspartnerschaft alle möglichen Phasen Trends im Kinderzimmer übersteht. Es ist die Nähe und Vertrautheit zu einem Wesen, das dort auf einen wartet und das ganz zu einem hält.

kind-schlaft-mit-kt.jpg

4. Manche Beziehung zwischen Kuscheltier und Kind ist eine Liebesbeziehung.
Eltern  berichten erstaunliche Geschichten, von Kindern, die zärtlich mit ihren Kuschels umgehen, die sich um sie sorgen, die ohne Ihren Kuschel nicht leben können, für die dieses Wesen das Ein und Alles darstellt. Das ist keine Art von Liebe, die ein Kind für sein neues   empfindet. Das ist viel mehr als Besitzerstolz und Begeisterung. Das ist auch Sorge und tiefe Zuneigung.

5. Mit Kuscheltieren gehen die Kinder phantasievoller um.
Einige Eltern hoben besonders hervor, dass Kinder durch die Kuscheltiere zu phantasievollerem Spiel und zu kreativen Rollenspielen angeregt würden. Kuscheltiere sind nicht festgelegt auf eine bestimmte Funktion oder Möglichkeit, mit ihnen zu spielen. Sie bieten eine Fülle von Einsatzmöglichkeiten an. Man kann mit ihnen spielen, aber vor allem kann man mit ihnen vertraut zusammen sein. Eine Mutter erzählte: Mit dem Lieblingskuscheltier kuschelt sie und das ausgiebig,  die anderen werden ‘bespielt’.

Der Begriff Kuscheltier steht für alles, was man kuscheln kann

Beobachtungen aus meinen Elterninterviews:

kuschelkissen-mah.jpg

  Das hier ist Mäh, das geliebte “Kuscheltier” einer 4 Jährigen

Ich habe gelernt, dass der Begriff Kuscheltier nicht einfach nur Kuscheltier bedeutet. Es ist ein Oberbegriff für alles, was sich zum Kuscheln eignet, als da sind: natürlich alle Kuscheltiere -  aber auch Kuscheltücher und -decken, Kuschelkissen, weiche Schlenkerpuppen , Kuschelgegenstände, z.B. Kuschelbälle, Kuschelherzen, Waschlappen  mit Tierkopf und vieles mehr.
Wenn Eltern solche Kuschelgegenstände meinten, sagten sie immer und wie selbstverständlich auch “Kuscheltier” dazu. Da habe ich was dazu gelernt:
“Kuscheltiere” sind  in ungefähr 10% der Fälle (meine Einschätzung) gar keine Tiernachbildungen, sondern irgendetwas anderes, was die Kuschelfunktion zumindest erfüllen kann.  Wer erinnert sich nicht an Charly Brown’s Bruder Lines mit seinem Kuscheltuch?

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Womit sich die Frage der Kuscheltierfragen ganz neu und ganz krass stellt: Was ist eigentlich “Kuscheln”. Wir wissen: Es ist die Hauptfunktion aller Kuscheltiere, das Wichtigste am Kuscheltier und das, was seine Eignung  zum Lieblingskuscheltier  am meisten bestimmt. Aber was ist Kuscheln? Ich hoffe, ich finde es noch heraus.

mein Kuscheltier - dein Kuscheltier

Beobachtung aus meinen Elterninterviews:

Die Eltern erzählten in großer Übereinstimmung, dass es um Kuscheltiere kaum Streit aber auch in der Regel keinen Neid gibt. Vielmehr respektieren die Geschwister die Kuscheltiere des Bruders oder der Schwester und behandeln sie wie Familienmitglieder, betrachten das fremde, also  geschwisterliche Besitz- und Intimverhältnis als etwas Gesetztes, an dem sie nicht rühren dürfen und das sie auch nicht stören wollen. Wenn Eltern zwei Kuscheltiere vom Einkaufen mitbrachten, verhandelten die Kinder untereinander darüber, wer welches Kuscheltier bekommen soll und kamen zu einem einvernehmlichen Ergebnis.

maedchen_mit_teddy.jpg

Bei den über 70 Kindern aller Altersstufen, um die es in meinen Elterninterviews ging, gab es nur 2 mal Geschichten, in denen  Geschwister  ein und das selbe Kuscheltier liebten und haben wollten. Aber auch die haben sich nicht gestritten oder gezankt um dieses Kuscheltier. Vielmehr trug der Bruder und im anderen Fall die Schwester ihre unglückliche Liebe zum Kuscheltier des Geschwisters viele Jahre mit sich herum. In einem Fall hat sich der nun 40 jährige Bruder den von ihm schon als Kind heiß geliebten und begehrten Teddy seiner Schwester bei einem Besuch bei ihr heimlich an sich genommen. Und als seine Schwester ihn Wochen später besuchte, staunte sie nicht schlecht, dass da ihr alter Bär in seinem Wohnzimmerregal saß. Endlich hatte er sich seinen Kinderwunsch erfüllt. Und die inzwischen ja auch erwachsene Schwester schwankt nunzwischen Ärger, Eifersucht und Rührung….

Und dann war da noch die Geschichte vom Zebra. Das wurde von beiden Brüdern heiß geliebt, so heiß, dass keiner auf das Zebra verzichten konnte und  beide eine Dreiecksbeziehung  einem zebralosen Leben vorzogen. Das Zebra schlief jede Nach abwechseln im Bett des einen oder des anderen. Das ging Jahre lang so. Und immer wußten beide Jungen ganz genau, wann sie dran waren und bei wem ihr Zebra die letzte Nacht verbracht hatte.
Nur einmal geriet die Reihenfolge etwas durcheinander. Der eine Bruder war krank, hatte den ganzen Tag im Bett gelegen und da er der nächste Zebraanwärter war, hatte er es den ganzen Tag bei sich. Als die Nacht kam, beanspruchte der andere Bruder sein Zebra. Schließlich hatte sein Bruder es gerade eben 12 lange Stunden in seinem Bett gehabt. Die Lage war rechtlich kompliziert und emotional sehr brenzelig. Als der kranke Bruder endlich engeschlafen war, holten die erschöpften Eltern das Zebra aus seinem Bett und brachten es dem anderen Sohn, der in seinem Bett seit Stunden jammerte und weinte, weil er der Meinung war, dass sein Zebra eigentlich bei ihm sein müsse….

Kuscheltierordnung

Beobachtung aus meinen Elterninteviews :

famkuscheltiere.jpg

Was mir beim Lesen der Interviews gleich aufgefallen ist: Fast alle Kinder ordnen und sortieren ihre Kuscheltiere für die Nacht in ihrem Bett auf eine immer gleiche Weise, sozusagen mit einer festen Platzierung für jedes Kuscheltier.
Dabei sind hiervon gar nicht mal die Lieblingskuscheltiere betroffen. Die haben oft das Privileg, ganz nah beim Kind sein zu dürfen, im Arm, in der Hand, oder die Kinder drücken sie ans Gesicht, legen den Kof drauf oder legen sich gleich ganz auf ihren Liebling. Und es gibt nicht wenige, wo das Lieblingskuscheltier am Morgen immer noch genau die gleiche Position hat.

Aber die anderen, also der kleine Hofstaat von 3 bis 15 Kuscheltieren, der sich bei seinem Kind gerade der  besonderen Aufmerksamkeit und Zuneigung erfreuen kann,  die bekommen einen ganz bestimmten Platz im Bett zugewiesen, werden oft auch in einer bestimmten Reihenfolge hingesetzt oder gelegt. Und wehe, die Mutter bringt da was durcheinander beim abendlichen Gutenachtsagen und bei der Gutenachtgeschichte!
Übrigens machen sowas auch Kinder, denen die Eltern nachsagen, ansonsten die reinsten Choaten zu sein, was die Ordnung in ihrem Zimmer betrifft. Es geht hier offenbar gar nicht um Ordentlichkeit oder Ordnungssinn. Vermutlich geht es mehr darum, dass das Kind, Herrscher seiner kleinen Kuscheltierwelt, dafür sorgen will und muss, dass jedes Tier seinen richtigen, ihm angemessenen Platz hat und zu seinem Recht kommt.

Fridtjof Nansen - als Kuscheltier

So heißt der Traditionssegler,  img_5206.JPG

auf dem meine Tochter ihr Praktikum gemacht hat und auf dem sie auch dieses Jahr wieder gesegelt ist. Fridtjof Nansen  (F. N.) war ein Polarforscher, nach ihm ist das Schiff benannt. Seit diesem Sommer gibt es ein Maskottchen auf diesem Schiff, ein zotteliger blonder Bär, ebenfalls Fridtjof Nansen genannt, den meine Tochter

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selber genäht hat

und der jetzt mit diesem Schiff und seiner Mannschaft auf der Ostsee herum schippern

darf.

Hier eine kleine Bildershow, die einen Eindruck von seinem verantwortungsvollen und anstrengenden Arbeitstag auf dem Dreimaster erzählt.

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F. N.  auf Posten.

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F. N. bei der Kontrolle der Sicherungssysteme,

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F. N. betätigt die Ankerglocke,

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F. N. bei wichtigen Navigationsaufgaben

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und im Maschinenraum.

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Ohne Kommunikation geht es auch hier nicht.

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F. N. klettert in den Wanden.

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Und schließlich nach getaner Arbeit und viel frischer Ostseeluft schläft er tief auf dem Hochboden.


Pause beendet - es geht weiter

Aus verschiedenen Gründen hatte ich diesen Sommer keine Zeit für mein Kuscheltierblog.

Das heißt nicht, dass etwa nichts passiert wäre in Sachen Kuscheltierforschung.

Zum einen möchte ich meinen neuen Assistenten vorstellen, einen frisch gebackenen Dr. Teddy, der mir neulich auf dem Flohmarkt am Mauerpark in Berlin zugelaufen ist.

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Außerdem liegen mir inzwischen 45 ausführliche Gesprächsprotokolle mit Müttern oder Vätern vor über die Frage, welche Rolle Kuscheltiere in ihrem Familienalltag spielen.
Das sind viele, viele Seiten spannender Stoff.  Eine richtige wissenschaftliche Auswertung braucht ihre Zeit. Aber ich habe mich schon intensiv mit dem Material befasst und kann zumindest soviel sagen:

  • Die Trends, die in meinen vorigen Untersuchungen heraus gekommen waren und über die ich hier schon berichtet habe, werden weitgehend bestätigt.
  • Es gibt eine Fülle von neuen lustigen oder auch traurigen Geschichten aus dem Leben mit Kuscheltieren, die ich hier erzählen werde.
  • Es haben sich außerdem  neue Aspekte, Fragen oder Hypothesen ergeben, die die Antworten und Erzählungen der Eltern  angestoßen und für die sie mir konkrete, anschauliche Beispiele und Belege geliefert haben. Auch hierüber werde ich in den kommenden Monaten berichten.

Aber nicht zu vergessen:
Ganz herzlichen Dank an all die, die mir ermutigende und begeisterte mails geschickt haben zu diesem Blog. Das hat mich natürlich sehr gefreut. Ich hoffe, meine Beiträge werden auch weiterhin für viele interessant und auch ein bisschen amüsant sein.

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