Archive für Dezember 2009

Aussprache mit einem leibhaftigen Plüsch-Freund

Ergebnisse aus meinen Elterninterviews:.

Was machen Kinder eigentlich mit ihren Kuscheltieren? Teil 7
Kuscheltiere sind für viele Kinder echte Gesprächspartner

2019406.jpg

Den Kuschels wird erzählt, was es in der Schule gab, ihnen wird das neue Mäppchen gezeigt, mit ihnen wird über das Weihnachtsgeschenk für die Mutter beraten usf.
Etwa ein Viertel der Kinder reden, debattieren, flüstern, reden und erzählen mit ihren Kuscheltieren. Besonders oft scheinen solche Verhaltensweisen bei jüngeren Schulkindern aufzutreten, die ja in besonderem Maße ihre Erlebnisse, die sie jetzt ganz alleine, ohne Eltern, Geschwister und auch ohne Kuscheltier am Morgen gemacht haben, verarbeiten müssen und dies in der Kommunikation mit dem Kuschelfreund tun können.

So fing es an

Geschichte aus meinen Elterninterviews Folge XII

Katrin hatte ihn schon zur Geburt geschenkt bekommen. Seit dem lag er in ihrem Bettchen oder im Kinderwagen und gehörte sozusagen dazu. Katrin nuckelte an ihm herum und lernte an ihm greifen. Wenn sie schlief, berührte manchmal ihre Hand sein Fell.

Aber sonst schien sie sich nicht viel aus ihm zu machen.

.

.kuscheltiere0039.jpg

Als Katrin zwei Jahre alt war, wurde sie zusammen mit ihrer Mutter zur Geburtstagsfeier bei einem Kind eingeladen, das sie nur flüchtig kannte. Die Mütter waren befreundet und Katrins Mutter fühlte sich bei ihrer Freundin wie zu Hause. So merkte sie nicht sofort, wie unwohl sich ihre Tochter unter den für sie fremden Leuten, den vielen Kindern und in der ungewohnten Umgebung fühlte. Sie klammerte sich an ihre Mutter, spielte nicht mit den anderen Kindern und wenn sie von einem Kind angesprochen wurde, sah sie weg und es kullerten ihre Tränen.

Dann kam ein Clown  zur Tür herein, der Papa des Geburtstagskindes, und  die anderen Kinder lachten sich halb tot über seine Witze. Katrin lachte nicht mit. Und plötzlich fing sie laut an zu schreien. Sie saß neben ihrer Mutter auf dem Fußboden und brüllte und nichts und niemand konnte sie wieder beruhigen. Die Mutter dachte schon daran, mit Katrin einfach wieder nach Hause zu gehen. Als sie ihre Handtasche zumachen wollte, fiel ihr Blick auf das Kuscheltier, das sie mitgenommen hatte, weil die Kinder vielleicht hier ein wenig schlafen sollten. Sie nahm es heraus und zeigte es Katrin, ein Versuch, von dem sie sich eigentlich nichts versprach.

Aber sie wunderte sich nicht schlecht, als Katrin nach dem kleinen Braunbären griff wie eine Ertrinkende.  Sie seufzte tief und drückte den bisher  kaum beachteten Bären heftig an sich, überschüttete ihn mit Küssen und weinte sein Fell nass. Aber je länger sie weinte, desto besser schien es ihr wieder zu gehen. Schließlich saß sie ganz ruhig und zufrieden neben ihrer Mutter, schaute den anderen Kindern zu und ihre Finger streichelten unablässig über das Fell ihres neuen Freundes.

Seit diesem Tag sind Katrin und Braunchen unzertrennlich.

Seelentröster und Ruhepol

Ergebnisse aus meinen Elterninterviews:.

Was machen Kinder eigentlich mit ihren Kuscheltieren? Teil 6

Kuscheltiere sind Seelentröster

maedchen_mit_teddy.jpg



Von großer Bedeutung ist das Kuscheltier für die Kinder als Tröster, als Pol der Ruhe und als Wesen, das Angst nehmen kann. Dies wird von etwa einem Drittel der Kinder berichtet. Im älteren Schulalter tritt diese Funktion zurück.

Für Eltern steht diese Funktion übrigens deutlicher im Vordergrund als für die Kinder selber.

Geburtstagsfeier bei Kuschels

chico3995_0.jpg

Geschichte aus unseren Elterninterviews Folge XI

Markus hat gerne Geburtstag. Und seine Kuscheltiere auch. Deshalb veranstaltet Markus jedesmal ein richtiges Fest, wenn eins seiner Kuscheltiere ein Jahr älter wird. Und da er ungefähr 10 Kuschels zu seiner engeren Kuscheltierfamilie zählt, gibt es fast jeden Monat so ein Fest.
So genau weiß niemand in der Familie, woher Markus die Geburtstage seiner Kuscheltiere kennt. Aber er kennt sie eben. Und er weiß auch immer, was sie sich wünschen. Das letzte Mal hat er seinem Nilpferd  ein grünes Taschentuch geschenkt, das es benutzen kann, wenn es sich nach dem Baden abtrocknen will. Dem Hasen hat Markus eine große Möhre aus Pappmaché gebastelt und für seinen Teddy  hat er eine Brille aus Draht angefertigt, weil der so gerne mit ihm zusammen Bilderbücher anguckt.

Wenn in der Kuscheltierfamilie Feiern angesagt ist, wird ein Tisch gedeckt, so richtig mit Tischdecke. Und jedes Kuscheltier bekommt ein eigenes Trinkgefäß. Markus schenkt Limo aus. Es gibt dazu Plätzchen, die die Mama  stiften muss. Markus singt mit allen zusammen “Happy birthday” und liest dem Geburtstagskind etwas vor, d. h. er tut so, als ob er lesen würde. Das lernt er erst nächstes Jahr in der Schule.
Seinen großen Bruder lässt er nicht mitfeiern, der ist schließlich kein Kuscheltier, aber der darf auf seinem Akkordeon was für das Geburtstagskind spielen.   Und ein Plätzchen bekommt er auch ab.

“Vater-Mutter-Kuscheltier” - Das Kuscheltier als Rollenspielpartner

Ergebnisse aus meinen Elterninterviews:.

Was machen Kinder eigentlich mit ihren Kuscheltieren? Teil 5
Kuscheltiere eigenen sich hervorragend zum Rollenspiel

images.jpeg

Besonders die Vorschul- und die jüngeren Schulkinder beziehen ihre Kuscheltiere in Rollenspiele ein. Es gibt unterschiedliche Arten von Rollenspielen:

  • Eltern-Kind Spiele
    Da werden die Kuschels gefüttert, gewaschen, sie werden angekleidet, umgezogen, zum Schlafen gelegt und herum gefahren.
    Dies sind die typischen Rollenspiele, die auch mit Puppen gespielt werden und bei denen das Kuscheltier die Position des Kindes einnimmt, während das Kind selber in die Rolle der Eltern schlüpft. Wie kaum anders zu erwarten, findet sich dieses Verhalten insbesondere bei kleinen Mädchen.
    Auch viele Jungen gehen fürsorglich mit ihren Kuscheltieren um. Hier handelt es sich aber nicht um ein Rollenspiel, bei dem bestimmte Abläufe und Verhaltensweisen gespielt und geübt werden, sondern mehr um echte Fürsorgetätigkeiten, wie sie schon oben unter dem Kapitel “Plüsch-Persönlichkeiten” genannt wurden. Bei Mädchen gehen solche Fürsorgetätigkeiten für ihr Kuscheltier  dann  in Vater-Mutter-Kind-Rollenspielen auf.
  • Identifikationsrollenspiele
    Kuscheltiere sollen in Rollenspielen Aufgaben stellvertretend für ihre Kinder lösen: sie bekommen eine Spritze vom Arzt, müssen Medizin schlucken, ihr krankes Bein wird verbunden, sie müssen sich die Zähne putzen oder im Krankenhaus liegen. Hier werden Erfahrungen verarbeitet oder auch vorbereitet, die das Kind selber gemacht hat oder denen es sich stellen muss. Und das Kuscheltier macht ganz tapfer all das schon einmal stellvertretend für das Kind durch.
    Solche Rollenspiele werden auch öfter von Eltern inszeniert bzw. als Erziehungsmittel  bewußt eingesetzt. Aber viele Kinder spielen mit ihren Kuschels  ganz von alleine solche Identifikationsrollenspiele.
  • Szenisches Spiel
    Bei Jungen und Mädchen findet sich oft noch andere Art von Rollenspielen: Es wird Schule gespielt, da werden Feste gefeiert, da wird zusammen Tee getrunken. Das Krokodil gibt den Anlass für ein Zoo-Rollenspiel oder die Kinder spielen Urwald und lassen das Krokodil andere Tiere jagen.
    Solche szenischen Spiele machen Kinder übrigens weniger mit ihren Lieblingskuscheltieren, zu denen sie eine enge Beziehung haben, sondern eher mit dem Rest ihrer  Kuscheltierfamilie.

Rollenspiele werden oft auch zusammen mit anderen Kindern oder Familienmitgliedern gespielt. Bei diesen Tätigkeiten kann man am ehesten vom Spielen mit dem Kuscheltier sprechen.

 

Das hält mein Lieblingskuscheltier nicht aus!

Geschichte aus unseren Elterninterviews Folge X

Das Lieblingskuscheltier von Max ist ein Mammut mit Namen Urviech.

mammut-600.jpg

.

Er und sein Mammut sind unzertrennlich. Es weiß alles über Max und Max weiß alles über sein Mammut. Und so weiß er auch, dass das Urviech zwar groß aussieht aber eine sehr empfindliche Seele hat.
Deshalb hat Max ein Ersatzlieblingskuscheltier, den Hasen Willi, genauer gesagt ein Trostkuscheltier für solche Situationen, die Max seinem Mammut nicht zumuten möchte.
Wenn Max z.B. zum Zahnarzt muss, dann hat sein Mammut  mehr Angst davor, dass es Max weh tuen wird, als er selber. Und das will einiges heißen, denn Max hat eine Menge Angst vor dem Zahnarzt.

Deshalb darf sein Lieblingskucheltier nicht dabei sein, wenn der Arzt zu bohren anfängt. Dafür ist dann der Hase Willi da und einsatzbereit. Ihn hält Max dann auf dem Schoß und bohrt seine Finger in Willis Fell und drückt ihn ganz fest, um die Schmerzen nicht so zu fühlen.

Wenn der Mund ausgespült und Jens wieder heil auf dem Fußboden gelandet ist, eilt er zu seiner Mutter, die etwas abseits vom Geschehen  mit Urviech  gewartet hat.

Und nun wird Urviech in die Arme genommen und nun wird erzählt und getröstet: Urviech tröstet Max und Max tröstet Urviech. Und die beiden sind froh, dass nun alles vorbei ist.
Willi steckt inzwischen in Mamas Tasche und darf wenigstens oben rausgucken. Denn irgendwie wichtig ist er ja wohl auch. “Na klar”, sagt Jens und kuschelt Willis Kopf.
Aber Urviech ist eben doch wichtiger.

Plüschpersönlichkeiten

 Ergebnisse aus meinen Elterninterviews:.

Was machen Kinder eigentlich mit ihren Kuscheltieren? Teil 4
Respektvoller und fürsorglicher Umgang mit kleinen Persönlichkeiten

Tätigkeiten mit dem Kuscheltier, die zum Ausdruck bringen, dass das Kuscheltier vom Kind als eigenständige Person gesehen wird (also nicht als irgendein Gegenstand), sind an vierter Stelle zu nennen. Diese Kategorie ist weniger altersabhängig und wird immerhin in einem Drittel aller Fälle von den Eltern berichtet.

Der oben schon beschriebene zärtliche, rücksichtsvolle Umgang ist ein solcher Hinweis. Nur ganz selten wird davon berichtet, dass Kinder ihre Kuscheltiere rumwerfen oder ihren Ärger an ihnen auslassen. Kuscheltiere dürfen weder dreckig werden noch darf man auf sie treten.

Des Weiteren behandeln  viele Kinder, ihre Kuscheltiere als Individuen: sie geben ihnen Namen, sie kennen sie und können sie - oft zum Erstaunen der Eltern - immer auseinander halten oder es fällt ihnen sofort auf, wenn eines fehlt. Sie geben ihnen Charaktereigenschaften und unterschiedliche Stimmen und verlangen auch von der Familie, solche individuellen Merkmale ihrer Kuschels zu respektieren und zu behalten.p1000902.JPG

Kinder machen sich um ihre Kuscheltiere echte Sorgen und sind um sie und ihr Wohlergehen bemüht: Sie setzen sie aufrecht hin, damit sie etwas sehen können. Sie bringen sie morgens ins Bett und decken sie zu, damit ihnen nichts zustößt, bis sie zurück sind. Sie können es nicht ertragen, wenn ihre Kuscheltiere nachts im kalten Auto liegen bleiben müssen und fürchten, dass die Kuscheltiere Angst haben oder frieren könnten.

Kuscheltiere dürfen nie weggeworfen oder ausrangiert werden. Sie haben in den den Augen der Kinder, auch wenn sie vielleicht nicht mehr in der besonderen Gunst des Kindes stehen sollten, immer ein Recht darauf, einen Altersruheplatz auf dem Schrank oder zumindest auf dem Dachboden zu bekommen.

Manche Kinder bemühen sich darum, alle Kuscheltiere gerecht und gleich zu behandeln, überlegen z.B. wer schon lange nicht mehr mit im Bett war oder wer noch nie mit bei der Oma gewesen ist.

Sie gehen mit ihren Kuschels um wie mit respektablen Freunden, die man achtet und auf die man nichts kommen lässt.

  


|