Thema

Einführende Gedanken und Hypothesen

 

8.4.2010

 

Allgegenwärtig: das Kuscheltier

Kuscheltiere gibt es heute in jedem Haushalt, in dem Kinder leben.

Am Schlüsselbund, auf dem Sofa oder auch im Bett vieler Erwachsener finden sich ebenfalls Kuscheltiere. Geht man seine Tankfüllung bezahlen, so passiert man in der Tankstelle mit Sicherheit einen Wühltisch mit zum Teil wunderschönen Kuscheltieren, die mitgenommen und mitgebracht werden möchten. Kuscheltiere finden sich als Souvenirs, als Gebrauchsgegenstände (Wärmeflaschen), als Dekor, als Werbeträger. Das Kuscheltier scheint heute allgegenwärtig zu sein.

Am Anfang war der Teddy, später kamen dazu Hunde, Katzen, Hasen…

Die ersten Kuscheltiere waren Bären, Hasen, Katzen, Hunde etc.

Der nächste Schritt, war, dass die gesamte Säugetierwelt in der Gestalt von Kuscheltieren in die Kinderzimmer einzog: Wilde Tiger und Löwen, Eichhörnchen, große Elefanten und Kamele, winzige Mäuse. Die Eigenschaften dieser Tiere wurden in gewisser Weise erhalten aber quasi für das Kind gezähmt. Der Elefant war jetzt so groß, dass man ihn in die Hand nehmen konnte, der Löwe war nicht mehr gefährlich, die Maus nicht mehr scheu und das Nilpferd drohte nicht mehr mit einem harten, spitzen Horn. Das weiche Material und die Darstellung aller Tiere als Jungtiere, als Tiere mit Kindchenschema, machten das möglich.

Schließlich wurde die gesamte Tierwelt einbezogen: Stachelige Tiere waren jetzt weich und anschmiegsam, Hühner hatten kein Gefieder sondern ein Fell und Fische waren nicht mehr nass und glatt, sondern ebenfalls mit weichem Fell bezogen. In der Natur bedrohlich wirkende Tiere wie Löwen und z.B. auch als ekelig empfundene Insekten oder Vögel konnten auf einmal als niedlich erfahren und ohne jede Gefahr gestreichelt werden.

Der bisher letzte Schritt in der Entwicklung des Kuscheltiermarktes war wohl die Herstellung von Gegenständen als Kuscheldinge: Telefone, Fernsehgeräte, Autos aber auch Glückswürfel, Schuhe und Briefkästen, Lautsprecher u. ä. tauchten plötzlich als Kuschelwesen auf. Ob dies von Kindern in der gleichen Weise angenommen werden wird wie die Tierformen, wird sich zeigen. Die Fähigkeit der Kinder, auch die gegenständliche Welt als belebte Welt zu sehen (Animismus) könnte dafür sprechen. Mache der weiter unten beschriebenen Funktionen kann aber z.B. ein Kuscheltier-Esel weit besser einnehmen als z.B. ein mit Kuschelmaterial bezogenes Telefon.

Manche Kinder horten Kuscheltiere und die Kinderzimmer quellen über. Andere bevorzugen ein ganz bestimmtes Kuscheltier und gehen mit ihm eine besonders enge Beziehung ein. Wenn dieses Kuscheltier verlegt oder verloren ist oder auf einer Reise zu Hause vergessen wurde, kann das zu wahren innerfamiliären Katastrophen führen. Eltern geraten in Panik und der Friede und die heile Welt sind erst wieder hergestellt, wenn das bestimmte Kuscheltier wieder aufgetaucht ist.

 

Lieblinge mit dem Charme der Hässlichkeit

Diese ganz besonderen Kuscheltiere sind nicht etwa die größten oder schönsten Kuschelobjekte, die ein Kind vielleicht besitzt, oft sind es vielmehr kleine, abgenutzte und für Außenstehende samt Eltern kaum noch akzeptable Gegenstände. Dennoch hängt manches Kinderherz an diesen Wesen so sehr, dass der Versuch, dieses Kuscheltier durch eine neue, wunderschöne und saubere Alternative zu ersetzen, nicht gelingt und am Widerstand des Kindes scheitert.

 

Kinder mit und ohne Kuscheltierliebe

Nicht jedes Kind hat solch ein ganz spezielles Kuscheltier. Warum manche Kinder eine so enge Beziehung zu ihrem Kuscheltier eingehen und andere nicht, ist Anlass zu Vermutungen und Verdächtigungen, aber der tatsächliche Hintergrund ist wissenschaftlich weitgehend unerforscht.

Eltern diskutieren darüber, ob dieses Phänomen ein Hinweis darauf ist, dass das Kind irgendetwas von seinen Mitmenschen insbesondere von ihnen, den Eltern nicht bekommt, was es braucht. Andere Eltern machen sich Sorgen, weil ihr Kind nicht wie die Kinder der Freundin exzessive Beziehungen zu ganz speziellen Kuscheltieren eingeht, sondern überhaupt keine engen Bindungen an Kuscheltiere entwickelt oder vielleicht nur darauf besteht, dass 13 auserwählte Kuscheltiere nachts um sein Bett drapiert werden. Ganz Chaträume im Internet befassen sich mit diesen Fragen:

Das Kuscheltier sei, so wird vermutet, ein Symptom für emotionalen und sozialen Mangel zu oder aber es wird ihm eine heilende und lebenswichtige Kraft zugesprochen. Ein schillerndes und nicht wirklich durchschaubares Wesen ist unser Kuscheltier also. Es wird Zeit, ihm mal einwenig auf die Pfoten und in die Augen zu schauen.

Für die Kinder stellt sich diese Problematik weniger. Die meisten von ihnen lieben Kuscheltiere einfach, freilich mehr oder weniger intensiv. Manchmal bedienen Kuscheltiere nur die Sammelwut oder das Prestige eines Kindes (das möglichst viele, möglichst große Tiere haben will). Sehr oft aber sind sie treue Begleiter in der Kindheit über Jahre hinweg.

Und auch Erwachsene fühlen sich den Kuscheltieren aus ihrer Kindheit – und auch mit neuen kuscheligen „Lebensabschnittspartnern“ oft intensiv und emotional verbunden.

Was macht aber das Kuscheltier so attraktiv?

Was ist am Kuscheltier ist so besonders, was unterscheidet es einerseits von Puppen und andererseits von all den anderen Spielsachen?

Wohl kaum ein Kind würde seinen roten Ferrari ans Herz drücken und ihm seinen Ärger mit dem besten Freund erzählen. Wohl kein Erwachsener würde einer stilvollen Vase „Tschüߓ sagen, wenn er die Wohnung verlässt. Zu Spielsachen und Gegenständen haben wir keine persönliche emotionale Beziehung. Wir mögen sie vielleicht, sind stolz darauf, freuen uns daran, aber sie sind kein Gegenüber, kein Wesen, mit dem wir Kontakt pflegen.

Ist das kuschelige Fell das hervorstechende Merkmal aller Kuscheltiere, ihre Weichheit, Wärme und die Eigenschaft, Zärtlichkeit vergeben zu können? Spontan fällt da der alte Versuch ein, der bewies, dass kleine Affen, die von einer aus nacktem Metall bestehenden Maschine Milch saugen konnten sterben, während kleine Affen gedeihen, wenn genau die gleiche Maschine mit Fell bezogen ist und es den jungen Tieren ermöglicht, sich anzukuscheln.

 

Das Kuscheltier als Kotherapeut und Tröster im professionellen Einsatz

Kuscheltiere werden  in der Sozialen Arbeit und Therapie als Medium und Hilfsperson eingesetzt. In Rettungswagen warten Kuscheltiere auf ihren Einsatz als Tröster.

·         In der Kindertherapie sind Kuscheltiere selbstverständliche Helfer im Kommunikationsprozess mit Kindern.

·         Jedes Feuerwehrauto hat heute als Standardausstattung ein paar Kuscheltiere an Bord, weil es sich auch dort herumgesprochen hat, dass ein verzweifeltes, leidendes, traumatisiertes Kind sich eher von einem Kuscheltier trösten lässt als von einem fremden erwachsenen Menschen.

·         Die Praxis der MedizinstudentInnen, Kinder in Teddykliniken einzuladen, um auf diese Weise die Themen Arzt, Krankheit, Krankenhaus für sie angstfrei erlebbar zu machen, setzten diese Chance längst in die Tat um.

 

Warum gerade heute Kuscheltiere?

Wieso ist es erst im letzten Jahrhundert und insbesondere seit dem 2. Weltkrieg zu dieser Invasion von Kuscheltieren gekommen? Puppen, Holzspielzeug etc. gab es dagegen schon immer. Könnte es sein, dass das Bedürfnis nach Nähe und Wärme in der Moderne größer oder vielleicht auch einfach ungestillter ist? Verstärkt z.B. die zunehmende Individualisierung der Menschen und der kindlichen Lebenswelten die Vereinsamung der Kinder?
Oder ist in unseren Zeiten ein Kuscheltier vielleicht nur einfacher herstellbar, hygienischer da waschbar, haltbarer da andere Materialien zur Verfügung stehen als z.B. Stroh?
Oder geht es einfach darum, dass heutige Kinder kaum noch Erfahrungen mit echten Tieren machen können und sie deshalb mit einem Ersatz Vorlieb nehmen müssen?

Was hat sich an der Sicht von Kindern auf ihre Kuscheltiere verändert z.B. gegenüber der Zeit vor 30, 50 Jahren. Sind die Beziehungen die gleichen, sind der Wert und die konkrete Bedeutung es Kuscheltieres die gleichen? Und was ist eigentlich aus dem alten Teddy geworden? Spielt er noch eine besondere Rolle?

Kuscheltiere sind heute anders: nicht nur, dass sie alle möglichen Tiere darstellen können, sie sind anders kuschelig: heute sind sie weich, der ganze Körper ist weich, sie lassen sich biegen und in jede Körperhaltung formen, solange man sie in der Hand hat. Sie haben keine Gelenke, nehmen also „alleine“ immer wieder die gleiche Stellung ein. Früher waren Kuscheltiere innen hart gestopft und außen mit einem weichen Fell bezogen, dass aber eher die Eigenschaften von Tierfellen hatte, also sich je nach Strichrichtung unterschiedlich anfühlte. Kuscheln war damals mehr eine Frage von Streicheln und Fühlen und in den Arm Nehmen. So etwas wie „Knuddeln“ oder „Kuscheln“ war nicht möglich. Vielleicht waren die früheren Kuscheltiere weniger Objekte, die Menschen für sich brauchen und genießen konnten sondern mehr so etwas wie Tierpuppen, die man nur streicheln konnte? Ist heute eine andere Kuscheltierbeziehung die Regel?

 

Das Kuscheltier: zärtliche Partner auch für Jungen

Das Spiel mit Puppen (heute z.B. Baby Born) übte und übt noch heute eindeutig in die Mutterrolle ein und war für Jungen immer verpönt, dürfte es auch heute noch sein?

Aber ist ein Kuscheltier nicht auch so etwas wie ein Wesen, das Fürsorge und Pflege braucht? Schließlich trägt es immer Züge junger, kindlicher Tiere. Spielen kleine Mädchen heute lieber mit Kuscheltieren als mit Puppen und wenn ja, spielen sie trotzdem diese Mutterspiele? Und wenn Jungen mit Kuscheltieren spielen, kommt da auch das Vater-Mutter-Kind-Spiel vor? Wäre das Kuscheltier sozusagen die Chance der Männeremanzipation, die Chance zukünftiger Väter, eine neue Vaterrolle zu entdecken?

Das Puppenspiel ist sehr einseitig auf das „Geben“, das Versorgen ausgerichtet. Die Puppe gibt selber dem Kind nichts außer dem Gefühl, eben eine gute Mutter zu sein.

Ein Kuscheltier, das vielleicht auch zu Fürsorge- und Pflege-Spielen auffordert, ist aber gleichzeitig ein Wesen, das aktiv etwas geben kann: es gibt fühlbare Zärtlichkeit, es kann für das Kind auch die starke Figur sein, die es tröstet und beschützt, eine Rolle, die einer Puppe wohl kaum anhaftet.
Entspricht es vielleicht unserer Zeit, dass ein Spielwesen, das geben und nehmen kann, bei Kindern besser ankommt als eines, das ausschließlich etwas haben will, also vor allem das das Geben einübt. Zeigt sich hier vielleicht eine Veränderung in den Geschlechterrollen in Bezug auf die Elter aufgaben: Nicht nur, dass das Kuscheltier für Jungen eine „legale“ Möglichkeit bietet, sorgende und pflegende Tätigkeiten auszuüben, auch Mädchen müssen im Umgang mit Kuscheltieren nicht nur die Gebenden, sondern dürfen genauso Nehmende sein.

Es stellen sich also interessante psychologische und soziologische Fragen.

 

Das Kuscheltier und seine vielfältigen Eigenschaften und Funktionen

Schaut man sich das Phänomen Kuscheltier auf dem Hintergrund psychologischer Theorien an, so kommt man zu einer interessanten Erkenntnis: Kuscheltiere erfüllen sehr viele verschiedene Funktionen die sie meistens auch noch gleichzeitig erfüllen. Diese Funktionen bedingen zum Teil einander und können kombiniert auftreten.

Die unterschiedlichen Funktionen entsprechen den unterschiedenen psychologischen Rollen, die das Kuscheltier für Kinder und Menschen allgemein einnehmen kann.

Kuscheltiere sind

1. Kuscheltiere sind keine normalen (Spiel-)gegenstände
Die Art der Beziehung, die Kinder zu ihren Lieblingskuscheltieren entwickeln, hat eher den Charakter einer Beziehung zu einem anderen Wesen als zu einem Spielobjekt:
Das Kuscheltier ist für die Kinder in erster Linie ein Freund, Beschützer, Tröster oder ein Schmusetier. Bei ihm zählt viel weniger der materielle oder der Prestigewert. Ein Kuscheltier kann, wenn es alt, kaputt oder hässlich geworden ist, nicht einfach entsorgt werden, wie ein Gegenstand, ein Spielzeug.
Wenn mit dem Kuscheltier im eigentlichen Sinne gespielt wird, was durchaus auch oft der Fall ist, dann steht das Kuscheltier häufig als Partner im Familienrollenspiel oder anderen Rollenspielen zur Verfügung.
Die wichtige Bedeutung allerdings bekommt das Kuscheltier ganz offenbar nicht aus einem klassischen Spielkontext heraus. In seiner “Hauptberufung“ ist das Kuscheltier kein Spielzeug, sondern ein Freund aus Plüsch.
Das Kuscheltier ist vor allem ein kuscheliges Wesen, das auch trösten und beschützen kann, das zum Schmusen da ist und mit dem man mitunter auch reden kann. Das macht den Charakter und die besondere Bedeutung und den Reiz eines Kuscheltieres aus. Getröstet werden wollen, Beschützwerden wollen, Zärtlichkeiten austauschen, mit einem Freund reden, all das ist im eigentlichen Sinne kein Spiel für die Kinder, sondern eher eine Ernstsituation, vielleicht sogar eine existentielle Situation. Hier spielt das Kind nicht, es kommuniziert und tauscht sich aus, es erlebt Trost und Schutz.
Da das Kuscheltier weniger für das kindliche Spiel im eigentlichen Sinne, sondern auch von Kindern eher als Partner, als Freund gebraucht wird, ist es in dieser Funktion auch für ältere Kinder, Jugendliche und Erwachsene interessant, die kindliches Spiel für sich nicht akzeptieren würden.

Zu klären wären in diesem Zusammenhang folgende Fragen:
a. Was „spielen“ Kinder (oder auch Jugendliche, Erwachsen) mit dem Kuscheltier.
b. Welche Bedeutungen und Funktionen nimmt das Kuscheltier für Kinder (Jugendliche und Erwachsene) ein?
c. Gibt es vergleichbare Beziehungen zu anderen Gegenständen?
d. Sind Kinder bereit, alte, kaputte Kuscheltiere wegzuwerfen?
e. Spielt für Kinder und Erwachsene der materielle Wert, die „Schönheit“, der Prestigewert eines Kuscheltiers eine Rolle und sind solche Werte ausschlaggebend dafür, dass ein Kuscheltier zum Lieblingskuscheltier gewählt wird?
f. Welche Verbreitung und welche Funktion hat das Kuscheltier bei Jugendlichen und Erwachsenen?

2. Kuscheltiere sind „Übergangsobjekte“
Als Übergangsobjekte stellen sie die Verbindung her zwischen realer Welt und Phantasie: der Teddy sitzt in seinem abgewetzten Fell dort ganz konkret und real auf dem Bett von Anne. Alle können ihn sehen und die Eltern akzeptieren, dass Anne dieses Stofftierpüppchen gerne hat, obwohl es schon ziemlich dreckig und hässlich geworden ist. Aber für Anne ist er vielleicht ein wunderschöner, starker Bär mit goldenem Fell, der sie liebt und den sie, wenn er wieder in seiner Prinzengestalt leben wird, natürlich heiratet. Der Bär hat eine reale Existenz, die alle, ebenso Anne wie ihre Eltern wahrnehmen. Und er hat für Anne darüber hinaus eine phantasievolle, den Eltern unzugängliche Realität.
Übergangsobjekte repräsentieren als materielle Gegenstände in der Phantasie des betroffenen Menschen Objekte oder Wesen, die die für ihn in gewissem Sinne beseelt sind, also Wesen, mit denen man Kontakt aufnehmen kann, mit denen man eine emotionale Beziehung eingehen kann. Im Unterschied zu anderen Übergangsobjekten (Bettzipfel, Talisman) haben Kuscheltiere in der Realität die Gestalt eines Tieres, meist in seiner jungen Erscheinungsform (Kindchenschema). In der Phantasie könnten diese künstlichen, tierähnlichen Wesen dann lebendige Tiere, Menschenwesen oder Zaubergestalten sein, zu denen das Kind oder auch der Erwachsene eine Beziehung aufnehmen kann. Das Kind (oder der Erwachsene) ist der aktive Teil der Beziehung und die Aktivität des Kuscheltieres ist sozusagen nur eine Funktion der kindlichen Phantasie und der Bereitschaft zu einer lebendigen Beziehung.
Die Fähigkeit und Bereitschaft zur Schaffung eines Übergangsobjektes ist die Voraussetzung für den Zugang und die Öffnung des Unterbewusstseins, der Phantasiewelt und gleichzeitig bietet sie die Möglichkeit, die reale Welt und damit die Welt, die die anderen Menschen sehen,  mit der eigenen Phantasiewelt zu verknüpfen (vgl. Winnicott,   ).

Diese Funktion ist nicht an die frühe Kindheit geknüpft. Wie ein Talisman wird auch von älteren Kleinkindern, Grundschulkindern und einer Reihe von Jugendlichen und sogar Erwachsenen das Kuscheltier genutzt als Wesen, das auf der einen Seite eine materielle Gestalt hat und ein objektiver Gegenstand ist, das aber gleichzeitig die eine individuelle, intensive und persönliche Bedeutung für den jeweiligen Menschen hat, die für Außenstehende nicht so ohne Weiteres nachvollziehbar ist.
Als Übergangsobjekt werden in der Psychoanalyse die Gegenstände bezeichnet, zu denen das Kind seine ersten, selbständigen Beziehungen aufnimmt, sich also aus der symbiotischen und vorgegebenen Eltern-Kind-Beziehung in ersten kleinen Schritten herauslöst. So gesehen kann ein Übergangsobjekt Kuscheltier in gleichem Maße als hilfreicher Ersatz für die ersehnte Mutter-Kindbeziehung fungieren, als auch als erster Versuch, die soziale Welt eigenständig zu erobern und die eigenen Beziehungsfähigkeiten im Bezug auf selbst gewählte Objekte auszuprobieren.
Dass sich das Kuscheltier als Übergangsobjekt eignet, ist die Voraussetzung für fast alle anderen Funktionen, die es für Kinder, Jugendliche und Erwachsene einnehmen kann.

 

Zu klären wären in diesem Zusammenhang folgende Thesen:
a. Kuscheltiere werden von ihren „Liebhabern“ als beseelte Wesen erlebt, wobei auch schon das Kind sehr früh darüber Bescheid weiß, dass dieses sein Kuscheltier eigentlich nur ein Stücken Fell ist. Und dennoch hat es so etwas wie eine „Seele“, es unterscheidet sich deutlich von Gegenständen. Man erlebt es als personales Gegenüber.

b. Die meisten Kinder erwählen sich aus ihrer Kuscheltierschar ein oder mehrere Lieblingskuscheltiere, zu denen sie eine engere, persönliche Beziehung knüpfen als zum Rest der Kuscheltiere. Diese nimmt zum Teil einen intimen und lebensnotwendigen Charakter an.

c. Enge und engste Beziehungen zu Kuscheltieren sprechen nicht notwendig von einem unerfüllten  Bedürfnis nach Nähe und Beziehung durch die wirkliche soziale Umwelt eines Kindes oder Erwachsenen. Diese Funktion kann es allerdings erfüllen. Solche Beziehungen sprechen auch für Phantasie, Lebendigkeit, Selbständigkeit, Beziehungsfähigkeit und Sensibilität.

d. Bei Erwachsenen setzt diese Art von Übergangsobjektbeziehungen voraus, dass man sich nicht scheut, sich scheinbar kindliche Denkstrukturen (animistisches Denken) und kindliche Herangehensweisen an die Realität zu bewahren..

 

3. Kuscheltiere sind Symbolträger
Kuscheltiere als reale Nachbildungen konkreter Tiere repräsentieren immer auch bestimmte tierische Fähigkeiten und Eigenschaften. Diese Eigenschaften und Fähigkeiten können symbolisch auch auf menschliche Wesen übertragen werden:
erwünschte Eigenschaften wie Macht, Kraft, Klugheit, Gefährlichkeit aber ebenso auch unbeliebte und belastende Eigenschaften wie Dummheit, Aggressivität, Frechheit, Faulheit, Boshaftigkeit.
Indem das Kind sich z. B mit dem Kuscheltier und seinen Eigenschaften identifiziert, nimmt es dessen gute und erstrebenswerte Eigenschaften an, fühlt sich also größer, stärker, begehrter. Aber es kann sich auch mit den weniger angesehenen Eigenschaften eines Tieres identifizieren und diese auf diesem Weg für sich akzeptieren lernen und von der Umwelt entsprechende Akzeptanz einfordern.
Sieht ein Kind im Kuscheltier ein Gegenüber, das vielleicht gefährlich ist oder das mit dem Kind im Konflikt oder Streit lebt, so ermöglicht der Umgang mit diesem Kuscheltier ebenfalls eine Auseinandersetzung mit dem bedrohlichen Gegenüber.Da die Kuscheltiere in ihrer Erscheinungsform handlich und handhabbar sind, also manipulierbare und schwächere Wesen ( sogar in der Regel mit Kindchenschema) sind, kann das Kind sich mit Tieren und Eigenschaften identifizieren oder sich mit „bösen“ Tieren erfolgreich auseinandersetzen, die ihm in der realen Welt vielleicht selber Angst machen würden oder unerreichbar blieben. Sie bleiben die Kinder immer die Herren der Szene.

Zu klären wären in diesem Zusammenhang folgende Thesen:
a. Der Charakter und die Eigenschaften der realen Tiere, die für die Art der Lieblingskuscheltiere Modell gestanden haben, haben für den betroffenen Menschen bei seiner Beziehung zum Kuscheltier eine Bedeutung.

b. Kuscheltiere haben für ihre menschlichen „Liebhaber“ so etwas wie einen Charakter. Sie sind Persönlichkeiten mit Fähigkeiten, Eigenschaften und individuellen Zügen. Sie haben auch ein Geschlecht, einen persönlichen Namen und oft eine Art Biografie.

c. Kuscheltiere, die gefährlichen oder z.B. ekligen Tieren nachgebildet sind und nun in einer zahmen, kuscheligen Erscheinungsform zur Verfügung stehen (Schlangen, Insekten, Frösche, Tiger etc.) erfreuen sich einer gewissen Beliebtheit. Ob gerade ängstliche, sich eher schwach und unsicher fühlende Kinder solche Lieblingskuscheltiere aussuchen, wäre interessant.

 

4. Kuscheltiere sind Wesen, mit denen Menschen Beziehungen eingehen können
Zu Kuscheltieren können Menschen eine Objektbeziehung eingehen. Sie können für das Kind (den Jugendlichen, den Erwachsenen) die Rolle des Freundes, des Vertrauten, des Beschützers oder einfach des Spielkameraden einnehmen. Sie sind ein Du, ein Gegenüber mit eigenem Charakter, eigener Persönlichkeit.
Mit ihnen kann eine Beziehung eingegangen werden wie mit anderen Menschen oder mit Tieren.

Kuscheltiere haben für Menschen keine materielle Funktion sondern eine soziale Funktion. Sie sind mögliche Beziehungsobjekte.
Diese Beziehung kann einen exklusiven und intensiven, auch einen vertrauensvollen und intimen Charakter haben und die Qualität einer Liebesbeziehung annehmen, die sowohl den Austausch von Zärtlichkeit, die vertrauensvolle Kommunikation, die Einmaligkeit und Unabdingbarkeit der Beziehung so wie gegenseitige Verantwortung und gegenseitig Schutz und Unterstützung beinhalten kann.
Die Beziehung zu einem Kuscheltier kann also Freundschaft und Partnerschaft einüben und ist gleichzeitig auch Modell für eine Liebesbeziehung.
Im Unterschied zu echten Dus (Personen) sind sie nicht wirklich lebendig, fordern also real auch nichts vom Gegenüber, weder Fürsorge noch das Eingehen auf eigene Bedürfnisse. Diese Situation kann jedoch spielerisch hergestellt werden, kann also als entwicklungspsychologisch gesehen als wichtige Übungssituation für das Herstellen und Erhalten von persönlichen Beziehungen gesehen werden.
Kuscheltiere sind möglicher Weise auch Ersatz für reale Kontakte.

Zu klären wären in diesem Zusammenhang folgende Fragestellungen:


a. Welche Rolle können Kuscheltiere für Kinder einnehmen?
b. Welche Bedeutung haben Kuscheltiere für Erwachsene und junge Leute?
c. Was ermöglicht der Kontakt mit einem Kuscheltier, was der Kontakt zu Menschen nicht bietet?
d. Sind Kuscheltiere für Kinder Ersatz oder zusätzlicher Gewinn? In welchem quantitativem Verhältnis stehen diese Möglichkeiten in der Realität

 

5. Spiegelung und Dopplung realer Personen
Das Kuscheltier kann ebenso gut wie für eine Phantasieperson, einen erdachten Freund etc. für ganz reale Personen stehen, die im Leben des Kindes existieren.
Dies geschieht möglicherweise dann, wenn ein Kind von einer wichtigen Bezugsperson vorübergehend oder auf lange Zeit getrennt ist (Mutter während der Zeit im Kindergarten, Oma, die in Hamburg lebt, der Freund, der weggezogen ist).
Dies geschieht sicher an in Fällen, wo das Kind sich eine intensivere, bessere Beziehung zu einer realen Person wünscht. Das Kuscheltier ist dann der erwünschte Ersatz. Die Beziehung zum Kuscheltier entspricht der Beziehung, die das Kind zu der bestimmten Person hat oder haben möchte.
Kuscheltiere können auch die bloße Spiegelung von konkreten Menschen sein, die im Leben des Kindes eine Rolle spielen (z.B. die Kindergartenerzieherin, die Klassenkameradin). Solche Dopplungen erzeugen dann für das Kind nicht notwenig eine Freundschafts- oder Liebesbeziehung. Ggf. setzt sich ein Kind über das Kuscheltier mit der realen Person auch auseinander und versucht, Konflikte zu lösen. In der Kindertherapie wird diese Funktion gezielt eingesetzt (Kuscheltier ist der Co-Therapeut, die strenge Mutter, der gemeine Bruder).
In der Kindertherapie sind die Chancen der kindertherapeutischen Arbeit mit Kuscheltieren seit langem bekannt und werden genutzt.
Sozialarbeiterinnen, die mit Kindern Kontaktaufnehmen wollen, sei es, weil sie versuchen müssen, heraus zu finden, wie das Kind sich in seinem Familienverband fühlt, sei es, dass sie versuchen müssen, einem Kind Entscheidungen von Erwachsenen verständlich zu machen, greifen zum Kuscheltier als Alterego. Das Kuscheltier spricht mit dem Kind an ihrer Statt und wird von Kindern, auch von schüchternen, ängstlichen Kindern z.B. sehr viel eher als Gesprächspartner akzeptiert, als ein fremder Erwachsener. Wenn schüchterne, ängstliche, misstrauische Kinder von einem Kuscheltier angesprochen werden (anstelle eines Beraters, eines Therapeuten etc.) sind sie sehr viel leichter und schneller bereit, sich zu öffnen und mit diesem Kuscheltier zu sprechen. Kuscheltiere erwecken Vertrauen.
Alle oben aufgeführten Funktionen bzw. „Identitäten“ der Kuscheltiere macht man sich hier zu nutze.

Zu klären wären in diesem Zusammenhang folgende Fragestellungen:

a. Wie häufig steht ein Kuscheltier für eine konkrete, lebendige Person aus dem Leben des Kuscheltierbesitzers?
b. Wie ist es zu dieser Doppelgängerrolle gekommen?
c. Sind das eher positive oder  eher Konflikt hafte Beziehungen?

 

6. Kuscheltiere sind Identifikationsobjekte

Kuscheltiere eignen sich nicht nur als Gegenüber, als Beziehungs- und Kommunikationspartner sondern auch als Identifikationsobjekte.

Der Besitz eines Kuscheltier-Löwen kann für ein Kind bedeuteten, dass es sich mit diesem Tier und seinen Eigenschaften identifizieren kann oder möchte.

In dieser Funktion repräsentieren Kuscheltier das „eigentliche“, das versteckte Wesen, das so ist, wie ein Kind sein möchte, wie es sich wirklich selber fühlt etc. Oder aber das Kuscheltier stellt eine schützende Maske dar, hinter der sich das Kind verbergen kann (Schaf im Wolfspelz).

Kuscheltiere sind also oft Identifikationsobjekte und Projektionsobjekte.
Sie sind das zweite Ich, eine Hilfskonstruktion des Ich, der Spiegel des Ich (vgl. ).
Im Unterschied zu anderen Projektionsobjekten sind sie als Übergangsobjekte in gewissem Sinne real, körperlich anwesend und können vom eigentlichen Ich gesteuert werden. Das Ich spielt dann (mit) sich selber.
Die Tiere, denen die jeweiligen Kuscheltiere nachgebildet sind, haben mitunter gefährliche Eigenschaften, die aber für das Kind – ganz im Unterschied zu einem wirklichen Kontakt mit dem entsprechenden Tier – dennoch nicht gefährlich (Wolf, Tiger, Bär, Hund,) und gefährdend sind und mit denen z.B. im Gegensatz zur Wirklichkeit eine Identifikation trotz des Größenunterschiedes möglich ist (Elefant).

 

     Zu prüfen wären in diesem Zusammenhang folgende Thesen:

a. Ängstliche, unsichere Kinder oder Kinder mit geringem Sozialprestige wählen sich gerne Raubtiere oder andere starke Tiere als Kuscheltier.
b. Ängstliche Kinder bekommen Mut, wenn sie sich mit großen, starken Kuscheltieren identifizieren dürfen (z.B. im Puppenspiel)

c. Schüchtere Kinder werden zutraulich und öffnen sich, wenn sie sich mit einem eher fröhlichen, starken Kuscheltier identifizieren dürfen.

 

7. Kuscheltiere sind immer Abbildungen und Nachbildungen realer Tiere
Sie haben in der Phantasie des Kindes sehr wohl auch menschliche Eigenschaften, stehen für Menschen und menschenähnliche Wesen, sind gleichzeitig aber immer anders als Menschen, da sie unübersehbar Tiere darstellen. Das heißt, sie repräsentieren lebendige Wesen, die aber vom Menschen unterschieden sind

So gesehen geht ein Kind (Jugendlicher oder Erwachsener) zu einem Kuscheltier auch immer eine Tier-Menschbeziehung ein.
Damit bieten Kuscheltiere für die, die sich mit ihnen befreunden oder sich mit ihnen identifizieren (s.u.) auch die Chancen und Erlebnisse, die der Umgang mit einem wirklichen Tier mit sich brächte (vgl.    ) Z.B. sind Tiger viel stärker als Menschen und alle haben Angst vor ihnen, Marienkäfer sind viel kleiner und können durch winzige Löcher schlüpfen, Katzen fressen Mäuse, die ein Mensch nicht essen könnte oder das Kuscheltier bietet einem Kind den Schutz und die Sicherheit, die ihm zum Beispiel ein echter Hund geben oder die ersehnte Mobilität, die ihm ein lebendiges Pferd geben könnten.
Symbolisch transportiert die Freundschaft mit einem Kuscheltier auch die ganze Problematik aber auch die Beglückung, die speziell von einer Tier-Mensch Interaktion ausgehen kann.
Z.B. ist ein Tier ist immer für seinen Menschen da, freut sich immer, hört zu, wertet nicht, ist gegenüber seinem Besitzer arglos, zugewandt, untergeordnet, abhängig, dankbar, treu, beschützend, nicht auf Äußerlichkeiten und gesellschaftlich attraktive Merkmale der Menschen achtend. Auch Kuscheltiere sind deshalb u. U. Vertrauen erweckender als Menschen. Wenn schüchterne, ängstliche, misstrauische Kinder von einem Kuscheltier angesprochen werden (anstelle eines Beraters, eines Therapeuten etc.) sind sie sehr viel leichter und schneller bereit, sich zu öffnen und mit diesem Kuscheltier zu sprechen. Kuscheltiere erwecken Vertrauen.

Ein Tier hat andererseits gleichzeitig seinen eigenen, zum Teil auch für Menschen nicht nachvollziehbaren Willen und entsprechende Bedürfnisse. Um ein Tier verstehen zu können, braucht ein Mensch Einfühlungsvermögen, da das Tier nicht sprechen kann (was Kinder mit ihren Kuscheltieren aber überwinden). Das Tier braucht insofern die Fürsorge und Zuwendung des Menschen, es verlangt eine ungleiche aber verpflichtende Partnerschaft vom Menschen.
Die Tatsache, dass das Kuscheltier nicht wirklich lebendig ist und seine Eigenschaften sozusagen aus der Phantasie des Menschen herrühren, von ihm geschaffen werden, besteht für die Kuscheltier-Menschbeziehung nicht wirklich die Notwendigkeit einer kontinuierlichen Verantwortung des Menschenkindes. (Ein lebendiges Tier würde man einem Kind erst mit 6 oder 10 Jahren anvertrauen.)
Hier kann ein Kind aber die Mensch-Tier-Partnerschaft spielerisch und in seiner Phantasie einüben.
Zu dem was ein Kuscheltier dem Menschen „aktiv“ geben kann gehört nicht nur seine Fähigkeit, Zärtlichkeit, Wärme, Geborgenheit auszustrahlen und erfahrbar zu machen (s.u.) sondern auch das, was Menschen an einer Mensch-Tier-Beziehung beglückt: die Treue eines Tieres, seine bedingungslose Anhänglichkeit an seinen Menschen, unabhängig von dessen Merkmalen, seine zugewandte Art, das (i. d. R.) Fehlen jeder Neigung zu Boshaftigkeit oder zur Abwertung seines menschlichen Partners.

Zu prüfen wären hier folgende Hypothesen:

a. Haustiere sind noch wie vor die beliebtesten Kuscheltiere.
b. Auch wenn der Markt nichts unversucht lässt, Nachbildungen lebloser Gegenstände als „Kuschelwesen“ sind nicht weiter attraktiv, setzten sich nicht durch.
c. Das „Besitzen“ eines Kuscheltieres ist ein wichtiges Merkmal einer Mensch-Kuscheltier-Beziehung. Sie bringt aber nicht materiellen Besitz zum Ausdruck sondern die Sicherheit, dass das Kuscheltier wie ein Haustier sicher und solange man will zu einem gehört.

 d. Der tierische Charakter der Kuscheltiere bleibt für einen Kuscheltierliebhaber auch dann bestehen, wenn dieses Kuscheltier für einen konkreten Menschen steht. Dem werden die tierischen Eigenschaften dann zugedacht.

 

8. Kuscheltiere sind Nachbildungen von Tieren in ihrer „Kindchenform“

Kuscheltiere repräsentieren – ganz ähnlich wie auch Puppen – immer die Kinder- oder Jugendform des Tieres, das sie darstellen sollen. Sie wirken damit niedlich, harmlos.

Niedliche Kuscheltiere sind vermutlich die attraktivsten Kuscheltiere.

Große gefährliche, scheue, eigentlich eklige Tiere sind in dieser Kindchenschemaform und als kuschelige Fellwesen handhabbar, sozusagen gezähmt.

Kuscheltiere mit Kindchenschema nehmen die Rolle des Kleinen, zu Beschützenden ein, dem man mit Zärtlichkeit zu begegnen geneigt ist. Kuscheltiere sind fast immer handlich klein und rund und immer auch weich. Selbst eine Schildkröte ist hier kuschelig, ein Tiger ist niedlich, ein Skorpion ist knuddelig, ein Stachelschwein ist weich….
Damit lösen diese Wesen bei ihren Besitzern Pflege-, Sorge- Hegeinstinkte aus und legen das Spielen solcher Beziehungszusammenhänge und Tätigkeiten nahe. (vgl. )

Fürsorge und Zuwendung können und „sollen“ einem Kuscheltier entgegengebracht werden und es geschieht auch, soweit ihm die Phantasie des Kindes diese Autonomie und lebendige Bedürfnislage zugesteht. Wenn dies nicht geschieht, bleibt dies jedoch Folgen los (z.B. im Unterschied dazu: Wenn ein Kind sich nicht um sein Kaninchen kümmert, wird es verhungern. Und selbst der vor einigen Jahren in Mode gewesene Tamagotschi „starb“, wenn das Kind auf seine Futterbedürfnisse nicht rechtzeitig reagierte.) Dies hat das Kuscheltier mit der Puppe gemeinsam.
Der entscheidende Unterschied zur Puppe ist folgender: Das Spiel mit Puppen lässt neben Mutter-Kind-Spielen im weitesten Sinne kaum eine andere Beschäftigungs- und Spielmöglichkeit zu. Pflegende, hegende, „ mütterliche“ Tätigkeiten, damit die Einübung der Aufgabe des Pflegens menschlichen Nachwuchses, ist beim Kuscheltier nicht zwingend gegeben. Ein Kuscheltier kann nicht nur nehmen, es kann auch geben: Zärtlichkeit, Berührung, das Modell einer Mensch-Tierbeziehung (s.o.), in der das Tier ja durchaus nicht nur ein Pflegeobjekt ist sondern oft der stärkere Partner, der lustige, lebendige Partner etc.
Das Kindchenschema der Kuscheltiere ist die Voraussetzung dafür, dass Kinder sich auch großen gefährlichen oder in der Realität keineswegs kuscheligen Tieren gefahrenfrei und ohne Ekel zuwenden können.
Das Kindchenschema ist vermutlich andererseits auch das Tor, durch das Kuscheltiere die Herzen von Kindern, Erwachsenen, insbesondere von Frauen erobern. Dennoch spielt auch in der Beziehung von Erwachsenen zu ihren Kuscheltieren nicht ausschließlich der Pflege- und Hegeaspekt eine Rolle. Denkbar aber ist, dass der zahme, freundliche und zärtliche Eindruck eines Kuscheltiers das Vertrauen, die Zuneigung, oder auch das Kontaktbedürfnis gegenüber diesem Kuscheltier fördert.

 

Zu prüfen wären hier folgende Hypothesen:

a. Kuscheltiere, die kein Kindchenschema aufweisen, erfreuen sich keiner großen Beliebtheit.

b. Das Kindchenschema-Phänomen wirkt besonders reizvoll bei Kuscheltieren, die Nachbildungen von Tieren sind, die eigentlich durchaus nicht kuschelig sind.

c. Obwohl das Kindchenschema eine große Rolle für die Attraktivität des Kuscheltiers spielt, ist dieses Merkmal weder ausschlaggebend für die Wahl als Lieblingskuscheltier noch ergeben sich aus dem Kindchenschema als entscheidende Funktionen Pflegetätigkeiten.

 

9. Kuscheltiere können zärtlich berühren

Kuscheltiere haben die Eigenschaft, Zärtlichkeit, zarte, weiche, streichelnde Berührungen selber geben zu können. In gewissem Sinne ist dies eine „aktive“ Eigenschaft, die das Kuscheltier von selber zeigt und für das Kind erfahrbar macht.
Insofern sind sie nicht nur mögliche Objekte für Projektion und Identifikation. Sie sind tatsächlich auch ganz real und ganz sinnlich erfahrbar in der Lage, zu berühren, angenehm, warm, weich, sanft und zärtlich zu dem Kind zu sein. (Zweifellos bedarf es dafür des Willens des Kindes selber oder eines anderen Menschen, das Kuscheltier entsprechend zu manipulieren, damit zu streicheln, es dem Kind in den Arm zu legen).

Zärtlichkeit, Berührungen sind überlebenswichtig, für kleine Kinder sind sie existentiell notwendig, für Kinder, Jugendliche, Erwachsene, alte Menschen sind sie weiterhin von zentraler Bedeutung für die psychische Gesundheit.

Spontan fällt da der alte Versuch ein, der bewies, dass kleine Affen, die von einer aus nacktem Metall bestehenden Maschine Milch saugen konnten sterben, während kleine Affen gedeihen, wenn genau die gleiche Maschine mit Fell bezogen ist und es den jungen Tieren ermöglicht, sich anzukuscheln. Zärtlichkeit, Berührung, fühlbare Nähe, all das ist offensichtlich überlebensnotwendig und genau so wichtig für uns Säugetiere wie Nahrungsaufnahme und die Befriedigung anderer körperlicher Bedürfnisse.

An dieser Stelle unterscheidet sich ein Kuscheltier ganz deutlich sowohl von einer Puppe also auch von einem lebendigen Tier: Die Puppe fordert die Pflegeinstinkte der Kinder heraus. Sie animiert das Kind, etwas zu geben, es übt in die Elternrolle und überhaupt in die soziale Rolle des Fürsorgenden ein. Das Kuscheltier kann dies auch. Aber es fordert nicht nur das „Geben“, es kann auch selber etwas geben. Vom Kuscheltier bekommen das Kind (und ebenso der Jugendliche und der Erwachsene) auch etwas. Die zärtliche Berührung ist eine Art „Dienstleistung“ des Kuscheltieres, die dieses ganz real leistet, selbst dann, wenn man keine persönliche Beziehung zu ihm eingeht. Andererseits ist gerade diese Fähigkeit, Zärtlichkeit und Berührung zu geben ein Grund dafür, dass Menschen zu diesem Stoffwesen intensive und intime persönliche Beziehungen eingehen.

Von dieser seiner Funktion (Berührung und Zärtlichkeit) hat das Kuscheltier seine Bezeichnung, so dass man annehmen muss, dass es sich hier um eine Hauptfunktion des Kuscheltieres handelt.
Der Begriff „Kuscheln“ wird dabei keineswegs auf diese Stofftiere beschränkt. Er bezeichnet auch eine bestimmte Art des Zärtlichkeitsaustausches zwischen menschlichen Partnern.
Wobei das „Kuscheln“ im Vergleich zu Stofftieren der früheren und noch weiter zurück liegenden Generationen einen anderen Charakter angenommen hat. Die alten Teddybären waren hart gestopft und ihre Weichheit und Zärtlichkeit steckte im Fell, das  zu berühren, zu ertasten war und feine taktile Berührungserlebnisse vermitteln konnte.
Heutige Felle sind viel langweiliger, dafür ist aber in der Regel das ganze Kuscheltier weich, kann gedrückt und zusammengequetscht werden, passt sich beliebig den Manipulierungsversuchen des Kindes an, kann immer vollen Körperkontakt herstellen, stört nicht als harter Fremdkörper im Bett…
Man könnte sagen, dass moderne Kuscheltiere mit ihren gesamten Körper für das Kind Ganzkörperzärtlichkeit spenden, während die früheren Kuscheltiere ihre Weichheit und Zärtlichkeit im Wesentlichen über das Ertasten der Fellstruktur  erlebbar machten.

 

Zu klären wären hier folgende Fragen:

a. Erleben Kinder das Streicheln des Kuscheltieres als etwas, was sie selber hervorrufen oder als aktives Tun des Kuscheltier-Freundes?

b. Welche Rolle spielt die Fellstruktur für die Beliebtheit eines Kuscheltieres?

c. Welche Rolle spielt die Weichheit für die Beliebtheit eines Kuscheltieres?

d. Welche Rolle spielt die Beweglichkeit für die Beliebtheit eines Kuscheltieres?

 

10. Ein Kuscheltier ist ein ästhetisches Abbild der Wirklichkeit

Außer der Niedlichkeit spielt auch die Schönheit eines Kuscheltieres eine wichtige Rolle. Wobei Schönheit hier nicht einfach Ebenmaß oder differenzierte Gestaltung bedeutet, sondern auch den Zustand eines Produktes, das in den Menschen Phantasie und Gefühle zu erwecken vermag, das die „Seele“ dieses Kuscheltieres („der Blick des Teddybären“) zum Ausdruck bringen kann und seine Lebendigkeit einfängt.
(Dies gilt nicht mehr für Kuscheltiere, zu den Menschen bereits Beziehungen eingegangen sind. Hier bedarf die persönliche Beziehung solcher Attraktivitätsmerkmale nicht mehr. Hier ist der Blick in die „Seele“ des Kuscheltiers auch dann möglich, wenn ein Kuscheltier für andere Menschen nur noch ein kleines, abgewetztes Stück Fell darstellt.)
Ein Kuscheltier ist also auch ein ästhetisches Abbild der Wirklichkeit, das als solches das Schönheitsempfinden anspricht und fördert und wie jedes ästhetische Abbild in sich Realität verdichtet. D.h. wenn ein Kind einen kleinen Fuchs sein eigen nennt, dann steht es im konspirativen Kontakt mit dem ganzen Wald .

 

Zu klären wären in diesem Zusammenhang folgende Fragestellungen:

a. Woher kennen Kinder heute Tiere: aus dem Fernsehen, aus der Natur, aus dem Zoo oder von ihren Kuscheltieren?

b. Die Kuscheltiernachbildung , die sich vom realen Modell zu weit entfernt und seine charakteristischen Eigenheiten nicht mehr transportiert, wird nicht angenommen

c. Für den Erwerb eines neuen Kuscheltieres ist seine „Schönheit“ mit ausschlaggebend.

 

***

Die Attraktivität des Kuscheltiers ist vermutlich die, dass es ohne weiteres alle 7 Funktionen (und vielleicht noch mehr?) gleichzeitig erfüllen kann.

z.B. Schnauzi, der Teddybär einer 6 Jährigen

  • ist Übergangsobjekt, Ersatz für die Mutter, für die liebende, zugewandte Mutter, die diese wirkliche nicht unbedingt immer war
  • ist Identifikationsobjekt, das zweite, größere, eigentliche Ich
  • ist ein Gegenüber, ein Du, kann der Freund, der Partner, der gefürchtete Beschützer, der Geliebte des Kindes sein
  • ist die Dopplung eines Wesens, das es wirklich gibt und indessen „Auftrag“ es handelt. Es vertritt den Menschen, der das Kind sonst trösten würde, es ist das Alterego des Therapeuten oder des Vaters
  • ist ein Tier, mit dem man befreundet sein kann, z.B. ein Bärenfreund
  • das kleine Baby, das Kind des Kindes, das es  füttert, pflegt, zum Schlafen legt
  • ist ein das  Kind zärtlich berührendes Wesen
  • ist schließlich ein Abbild, z.B. ein Abbild von einem Bären, ein Bild, mit dem alle Grizzlys der Welt und alle wunderbaren Abenteuer verbunden sind und erlebbar werden.

Diese Funktionen übt er zum Teil nacheinander aus, zum Teil aber auch gleichzeitig. Er deckt alle Bedürfnisse ab. Er ist perfekt und vollkommen. Er ist (lebens)wichtiger Bestandteil der egozentrischen, animistischen Welt des Kindes (vgl. Weingarten, Kindern spielend helfen, 2005).

Das alles auf einmal kann keine Puppe, auch kein Talisman, kein Fetisch, kein Foto, kein Spielzeug aus Holz, aber auch kein lebendiger Hund, allerdings auch kein lebendiger Mensch.

 

 

Kuscheltiere ermöglichen  Erfahrungen

Kuscheltiere ermöglichen Erfahrungen und Erleben, die

  • sonst nicht gleichzeitig zu haben sind (z.B.: Eine riesige Giraffe ist mein Freund und wir galoppieren zusammen durch die Steppe und fressen die Blätter von den Bäumen, danach ist sie mein Giraffenbaby, das von den vielen Blättern Bauchweh bekommen hat und ich muss meiner Giraffe einen Tee machen).

  • man nur in kleinen Dosen vertragen oder überhaupt nicht gefahrlos überstehen könnte (Ich kuschele mit meinen drei Löwen. Der Älteste brüllt laut und fletscht die Zähne. Und ich sage zu ihm, Leo, du hast dir mal wieder die Zähne nicht geputzt).

Das Kuscheltier erlaubt wegen seiner Spieleigenschaft, über die reale Welt hinauszugehen und die eigene Phantasie als Lebenshilfe zu nutzen. (Z.B.: Ich schwimme mit meinem Delphin nach Amerika, dort besuchen wir eine kleine Katze, die jemand am Hafen ertränken will, retten sie und mein Delphin spritzt die bösen Menschen nass. Dann setze ich mich zusammen mit dem Kätzchen auf meinen Delphin und wird schwimmen nach Hause.)

 

 

Kuscheltiere: Hinweis für ein Defizit oder Zeichen von Normalität?

Kuscheltiere mögen in manchen Fällen Ersatz sein, in jedem Fall aber sind sie etwas ganz Eigenes. Das Kuscheltier hat Fähigkeiten und die Beziehung zu ihm birgt Möglichkeiten, die in dieser Form und Fülle nur ihm zukommen. ,

Dass Kuscheltiere fehlenden oder problematischen menschlichen Kontakt kompensieren können ist sicher richtig. Eine intensive Beziehung zu einem Kuscheltier ist aber vermutlich kein Hinweis auf notwendig vorhandenes Defizit oder Problem eines Kindes.

Die besorgte Frage von Eltern, ob ihr Sohn nicht ganz normal ist, wenn er nicht ohne seinen abgewetzten Hasen Plumy schlafen will, kann nach diesen Überlegungen erst einmal wie folgt beantwortet werden:
Die Funktionen und die Einsetzbarkeit des Kuscheltieres als Übergangsobjekt, als erfundenes Du, als Identifikations- und Projektionsobjekt oder als Doppelgänger realer Personen zeugen wohl weniger von vorhandenen Defiziten in der Sozialisation oder pathologischen Zügen eines Kindes. Sie sind vermutlich völlig normal und Ausdruck der Phantasie, der Kreativität aber auch der Beziehungsbereitschaft eines Kindes und entsprechen voll seiner kognitiven und emotionalen Entwicklungsphase.

These: Das Kuscheltier ist das erste Beziehungsobjekt, das ein Kind für sich frei wählen kann, also seiner erste Schritt der emotionalen und sozialen Unabhängigkeit.

Die umgekehrte These, dass den Kindern, die jene große Kuscheltierliebe nicht ausbilden oder gar überhaupt nicht auf Kuscheltiere ansprechen, etwas fehlen könnte, ist zunächst auch nicht wahrscheinlich, denn es finden sich keine Anhaltspunkte, dass solche Kinder sich schlechter entwickeln, dass sie weniger Beziehungsfähigkeit oder Kreativität herausbilden.

Für die meisten Kinder und viele Erwachsene sind Kuscheltiere einfach wichtiger Bestandteil ihres Alltags und die Beziehung zu einem oder einigen Lieblingskuscheltieren ist von emotional großer Wichtigkeit. Und das – wie gezeigt werden sollte – aus gutem Grund.

 

M. Seithe

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